C-PTSD in unserer Mitte

Wissen ist Macht. Macht ist Verantwortung. Und umgekehrt.

Selbstverantwortung hat jeder. Damit hat auch jeder Macht. Macht ist gut, auch wenn wir gewohnt sind dass sie von gewissen ‘Machthabern’ missbraucht wird.

Lernen. Verstehen. Handeln. Leben ändern. Ändern Leben. Leben statt funktionieren.
Ich finde es immer wieder ernüchternd zu sehen, dass wir es zu meinen Lebzeiten, in knapp 40 Jahren, geschafft haben den Planeten zu ruinieren. Klar, da waren ein paar Jahrzehnte Dummheit und Gier im Vorlauf. Aber knackig, doch. Als Kind war es noch normal dass Insekten auf den Scheiben kleben wenn man 5 Minuten gefahren ist. Gute Zeiten. Vor 15 Jahren ist mir deren Verschwinden schon gruselig aufgefallen. Da war es noch kaum Thema.
Heute summt es kaum an lauen Abendnächten, ausser Moskitos.

Diese Perspektiven machen es schwierig nicht die Hoffnung zu verlieren, und doch ist aufgeben und drauf scheissen keine Option. Es geht ja nicht nur um mich.

Weil, wenn du das liest, gehörst du vermutlich bereits zu jenen Menschen die sich eh damit beschäftigen, eh was tun, seit Jahren und beständig, und somit tatsächlich nicht zu denen gehört die Selbstverantwortung ablehnen. Obwohl es ja eine ewige Diskussion ist, wer nun Verantwortung wofür trägt: machen persönliche (Kauf)Entscheidungen einen Unterschied oder spielt das angesichts der politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen von oben eh keine Rolle?

Alles ist politisch – und karmisch.

Meiner Meinung nach hat jede persönliche Entscheidung eine Wirkung auf mehreren Ebenen: auf der persönlichen sowie der wirtschaftlichen und damit ist alles auch politisch. Das karmische, als das Gesetzt von Ursache und Wirkung, darf man ja laut heutzutage kaum sagen, ohne schief angeschaut zu werden. Nenne ich es also einfach: Was wir tun hat Konsequenzen. Ob wir diese merken oder nicht hängt davon ab wie zeitverzögert diese Konsequenzen auf uns treffen:

Wenn ich ein billiges Produkt kaufe zahlt jemand anderes, meist die arme Bäuerin, Näherin oder das afrikanische Bergwerksarbeiterkind drauf. Davon merke ich natürlich erstmal nichts. Das kommt so zeitverzögert und in anderem Gewand daher – nämlich wenn sich die Weltwirtschaft, das Klima oder mein Gewissen meldet – dass das weniger kausal erscheint wie eine Watsche mit direktem Echo.

Da ‘Wie im Kleinen so im Großen’ tatsächlich gilt, wird jede Entscheidung enorm wichtig, unabhängig von ihrer ‘scheinbaren’ Größe. Das darf mensch mal zu Ende denken…

Wir leben also in einer Welt voller traumatisierter Menschen (ich möchte mal behaupten dass wir in den sogenannten Industrieländern mehr davon betroffen sind, oder zumindst anders, subtiler) – denn anders kann ich mir diese kollektive Untätigkeit nicht erklären. Anders gesagt: Ja, wir sind fast alle (Ausnahmen sind unwahrscheinlich, in von weisser Machtgier geprägten Einflussgebieten) traumatisiert, und dieser Meinung sind noch viel geschultere als ich.

Von entwicklungstraumatisierten Menschen die in einer Gesellschaft leben, die noch dazu täglich re-traumatisierend wirkt kann mensch kaum heilsame Entscheidungen erwarten.
Heilung wird der Selbstverantwortung (die uns abtrainiert wird) sowie den eigenen Kapazitäten überlassen, während wir mit krankmachenden Faktoren zwangsbeglückt werden – und das oft nicht merken (du schon, ich auch, natüüüürlich; aber Menschen außerhalb unserer Blase?) oder eh schon überfordert sind. Es macht dann doch fast jeder irgendwie mit.

Bio ist immer noch teurer und mit mehr Regelwerk geknebelt als pestizidverseuchtes Essen. Vegetarier sind immer noch die Ausnahme, und das neue vegetarisch ist vegan, aber die klassischen Speisekarten haben bestenfalls die obligatorischen Eiernockerl dabei. Immer noch werden Golfplätze und Skigebiete gebaut, und die Umweltverträglichkeitprüfung stellt seltsamerweise oft grünes Licht dafür aus.

Mehr Seiten einer Medaille

Es ist soviel unverdauliches, dass ich gar nicht mehr Zeitunglesen will oder Nachriten schaue. Ich bin auch insoweit ernüchtert dass ich erstens nicht alles für unhinterfragt bare Münze nehme was mir die ‘öffentlich rechtlichen’ Medien auftischen, andererseits – es gibt immer mehrere Seiten derselben Medaille.

Die Sache mit der Realität ist eben keine Monokultur, auch wenn ‘man’ uns das gern glauben machen mag. Ich weiß, du weißt das. Abgesehen davon dass mensch ja manchen Mainstreamereignissen und Tagesaktualitäten nicht entkommen kann, informiere ich mich wenigsten anders. Anders ist nicht immer gut angesehen, dennoch denke ich gern lösungsorientiert. Ich hab auch studiert, ein inflationärer Luxus also. Ich hab meine Herausforderungen im Leben gehabt, wie jeder, darum hab ich mich schlau gemacht, sonst macht das alles ja keinen Sinn. Und komme zunehmend zum Schluss dass diese Trance, in der wir uns kollektiv befinden, auch ein grosses Trauma ist.

Eine vielleicht schwere Geburt, Stress der Mutter im Mutterleib und dann meine/deine ersten drei Jahre sind prägend, weil hier das Nervensystem lernt wie der Hase läuft. Wer hat sich als Kind bisher wirklich sicher gefühlt?
Darauf läuft es hinaus. Wenn wir uns bis dahin, im Kindesalter, nicht sicher gefühlt haben, dann klappt das später nur mit viel innerer Aufarbeit. … Nicht sicher, weil z. B. Nabelschnur um den Hals die Geburt kritisch machte, oder die Zangen die uns rauszogen, oder der Schock des Alleinsein wenn wir plötzlich Stunden und Tage alleine ohne Hautkontakt zur Mutter herumliegen müssen. Trauma…

Wenn wir schreien und nicht beachtet werden – verlassen, Todesangst, keine Worte dafür. Trauma.
Wenn unsere Familie selbst unaufgearbeitetes, unbewusstes Gepäck hat, streitet, Süchte, Spannungen, Probleme… Kein Kind kann sich da sicher fühlen in einem spannungsgeladenen Umfeld. Trauma.

Und das sind die besseren Fälle – unsere Normalität. Jede andere Steigerung und Variation? Trauma.
Das Nervensystem lernt nicht was es bedeutet sicher zu sein, reguliert. Emotionen, Angst, Stress, Wut, etc. kann nicht gesund erlebt werden, oder gar verarbeitet. Also unsere Normalität ist traumatisch und traumatisierend. Huh, welch Erkenntnis. Musst du mir im übrigen gar nicht glauben, kannst du selber herausfinden. Einfach dich in die aktuellen Entwicklungen und Erkenntnisse der Traumaforschung einklinken.

Es wird hier allgemein von den 4 (vorher waren es meist drei) Überlebensstrategien gesprochen, die im übrigen tatsächlich normal und im Idealfall jedem flexibel zur Verfügung stehen, jederzeit.

Fight Flight Freeze Fawn ×××× 4F ××××

× Flight/Flucht geht oft nicht, so schlimm is es vielleicht nicht. Wo soll man auch hin, wenn die Eltern, der vermeintlich sicher Hafen, keiner ist?

× Fight/Angriff: will kleiner mensch nicht, oder kann man nicht, so klein noch. Oder menschlein versucht es, aber wird ausgelacht, verhöhnt – es bringt nichts. Was nun?

× Freeze/Erstarren, alle System abschalten, Dissoziation. Sich abschneiden von den Gefühlen im Moment, funktionieren, anders kann man diese Situation nicht überstehen.

× Fawn/Unterwerfung, mensch hat gelernt nett zu sein, sozial sich anzubiedern, Lieb sein, das macht das überleben am wahrscheinlichsten. Sich der sozialen Situation anzupassen, rausreden, schönreden, verbiegen. Wenn freeze, also einfrieren allein nicht sicher genug ist, unternimmt das eigene intelligente und automatische Körpersystem alles um das Überleben zu sichern.

 

Trauma entsteht nicht durch das Ereignis, sondern durch die momentane Unfähigkeit es zu verarbeiten.

Dann hängt die Platte. Viele kleine oder langanhaltende stressverursachende Umstände überfordern das NERVENSYSTEM jedes Menschen. Was bis drei Jahre nicht gelernt ist, oder eben schon, wird als Antwort auf zukünftige Stressoren mitgenommen. Das nennt sich Entwicklungstrauma. Und das hat unter Umständen ähnliche Symptome wie das Schocktrauma mit PTSD, nur ein bisserl subtiler, so dass wir nicht funktionieren.
Grad so einen Knacks haben, einen gefühlten Schaden, dass wir es nicht wirklich erklären können, aber das Leben klappt irgendwie nicht.

Der Schaden ist subtil, abdeckbar, wir funktionieren eeeh….
aber unten drunter ruckelt es immens.

Wenn unsere Nervensysteme auf Fight/Flight/Freeze/Fawn programmiert sind, dh wenn unser System sich einschießt auf ein Programm das zu einem meist vorverbalen Zeitpunkt das Überleben gesichert hat dann beeinflusst das alle unsere Dimensionen: Körper, Geist und Seele. Es macht uns auch unflexibel, weil wir auf Situationen nicht mehr mit allen vier Strategien reagiern können, sondern … die Platte hängt in der gelernt erfolgreichen Strategie fest. Mental, emotional und körperlich sind wir nervensystemisch betrachtet damit vorbelastet, und sehen so die Welt. So treffen wir dann Entscheidungen. Für andere, gegen andere, gar nicht oder ganz entseelte. Oft unheil, weil wir Unheil sind.

Und dann wundert mich nix mehr.
Auch nicht, dass wir lebensfeindliche Entscheidungen zulassen und treffen.

Natürlich kann mensch das alles und seine Reaktionsmuster heilen und wieder gut machen. Jeder der sagt das geht nicht, irrt. Früher hieß es wohl, dass man mit PTSD nunmal leben muss – muss mensch nciht. Inzwischen, dank Peter Levine, Stephen Porges und vielen anderen, weiß man inzwischen dass jedes CPTSD heilbar ist, und es gibt eine wachsende Zahl an Methoden und Menschen die einen dabei unterstützen. Wissen ist jedoch immer erstmal gut. Hier schließt sich also der Kreis zur Selbstverantwortung und persönlichen Macht. Nur wer Wissen hat und dieses flexibel in Kontext setzen kann, kann ihre/seine Macht auch wohlbringend einsetzen.

Als Recherchestarter empfehle ich (schau mal auf social media kanälen, yt enthält viele hilfreiche videos):
Irene Lyon (yt), Crappy Childhood Fairy (yt), Peter Levine, Pete Walker, Toni Rahman, etc etc etc.

C-PTSD, ACE, Emotional Neglect, KOMPLEXES TRAUMA, ENTWICKLUNGSTRAUMA

Das hier ist nur ein kurzer Abriss ohne Gewähr, ein Appetizer zu einem Thema dem wir uns alle zumindest rudimentär auskennen sollten. Vielleicht hat ja mein kleiner Überblick hier geholfen.

 

 

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